Helden ohne Degen – Der Schinkelplatz in Berlin
„Ohne Geschichte gibt es keine Zukunft.“
Dieser Satz ist nicht neu, wird in unserer schnelllebigen Zeit jedoch häufig 
verdrängt. Wichtig scheint heute vor allem das reibungslose und optimale Zusammenwirken von Funktionsabläufen zu sein, wobei die notwendige Erinnerung immer mehr ins Hintertreffen gerät. Dabei bedeutet der Begriff „Erinnerung“ in diesem Zusammenhang keinesfalls das bloße Wissen über historische Abläufe und eine verklärte Rückerinnerung an vermeintlich „goldene Zeiten“, die so oft bemüht werden, um Kritik an der Gegenwart zu üben und zu begründen. Erinnerung heißt vielmehr, sich die Erfolge früherer Generationen ebenso vor Augen zu führen wie deren Fehler und auch Scheitern. In diesem Sinne ist Erinnerung hilfreich, um daran das eigene Handeln zu messen und Zurückliegendes als Mahnung, aber zugleich als Ansporn zu begreifen.
Der Schinkelplatz in der deutschen Hauptstadt steht geradezu symbolhaft für die Wichtigkeit des Erinnerns im wohl verstandenen Sinn. Sich dieses Platzes mit dem Gebäude der Bauakademie und seinen drei früheren Denkmälern zu erinnern, ist das eine. Sich zu fragen, warum der Schinkelplatz im Inferno des Zweiten Weltkriegs verwüstet wurde und warum er in der Stadtplanung der DDR unterging, ist das andere. Und das Dritte schließlich ist die Frage, warum wir uns eigentlich heute bemühen, diesen Platz und seine Denkmäler wieder herzurichten und an seine Ursprungsgestaltung anzuknüpfen.
Der Schinkelplatz hatte im Denken der kommunistischen Machthaber nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Raum mehr, weil im Rahmen der übergreifenden Stadtplanung an seiner Stelle das Staatszentrum der DDR entstehen sollte. Für die Selbstdarstellung und das Selbstbewusstsein der DDR war es von großer Bedeutung, hier – im historischen Kern Berlins – das Außenministerium als Symbol des jungen Staates zu errichten, wobei nach der Wende auch das Schicksal dieses Gebäudes besiegelt war.
Die Lehre aus dem Abbruch der Bauakademie zu ziehen, kann aus heutiger Sicht nur heißen, die Wichtigkeit eigenen Handelns stets der Bedeutung einer noch vorhandenen historischen Topografie und ihrer Bauten gegenüber zu stellen – und damit zugleich zu reaktivieren – und zu einem vorsichtigen Umgang mit der Stein gewordenen „Erinnerung“ zu mahnen. Altes lähmt nicht, sondern die Zeugen der Geschichte bereichern ganz wesentlich unser eigenes, heutiges Leben.
Obwohl auch die Machthaber nach 1945 die Bedeutung der Schinkelschen Bauakademie kannten, ließen sie sie abreißen. Und wenngleich die politische Führung in Ost-Berlin Schinkel in den frühen fünfziger Jahren des stalinistischen Realismus für die Entwicklung einer eigenständischen berlinischen Bautradition in Anspruch nahmen, ließ sie nicht zu, dass dessen Denkmal an seinen ursprünglichen Platz zurückkehren durfte. Andererseits aber haben die Landwirte 1952 das Standbild Albrecht Daniel Thaers in den Lichthof der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität geholt, um ihm dort einen Ehrenplatz einzuräumen.
Die ersten „Helden ohne Degen“ – Thaer, Beuth und Schinkel - werden nun wieder auf ihre angestammten Plätze auf den Schinkelplatz zurückkehren können. Nachdem sie im 19. Jahrhundert nur gegen die Bedenken des Monarchen überhaupt mit Denkmälern auf öffentlichen Plätzen hatten geehrt werden können, sollen sie jetzt wieder den Platz einnehmen, der ihnen räumlich und in der Erinnerung gebührt. Denn die Entwicklung zur heutigen Landwirtschaft wurde durch Thaer eingeleitet. Der Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Erinnerung an Beuth wieder wachgerufen, der unter schwierigsten Umständen nach der preußischen Katastrophe von 1806 und den notvollen Zeiten der Befreiungskriege und den folgenden ersten Friedensjahren den Gewerbefleiß in Preußen begründet hatte. Und Schinkel schließlich ist längst wieder zum bewunderten Vorbild vieler Architekten geworden.
Die Ernst Freiberger-Stiftung hat das Denkmal Thaers wieder errichtet, weil sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, bedeutende Zeugnisse der Geschichte zu erhalten und zu pflegen. Sie trägt damit zugleich zur Entwicklung einer Kultur bei, die daran erinnert, dass die Lebensleistung früherer Generationen in hohem Maße auch Grundlage unserer eigenen Gegenwart ist.
Ernst Freiberger
Mit Beiträgen von:
Prof. Dr. Rupert Scholz
Hauptstadt Berlin und deutsche Geschichte
Pflege der Geschichte – Aufgabe der Hauptstadt
Prof. Helmut Engel
„Von deren sorgfältiger Pflege das Vaterland Aufschwung und vermehrtes Ansehen in friedlicher Entwicklung auch fernerhin zu erwarten hat.“
Ort und Zeit
* Die Entstehung des Platzes und der Denkmäler
* Die Geehrten: Albrecht Daniel Thaer, Christian Peter Wilhelm Beuth, Karl Friedrich Schinkel
* Die Denkmäler Thaer, Beuth, Schinkel
* Die Bauakademie
* Der Schinkelplatz danach
Prof. Helmut Engel
Wie kann Berlin heute „Heimat“ und nicht nur „Lebensmittelpunkt“ sein oder künftig werden?
Gebunden, 139 Seiten, Berlin 2000
