Meinhard Miegel: Arbeitslosigkeit in Deutschland


Keine Vollbeschäftigung durch Wirtschaftswachstum.
Zusammen mit den übrigen Bürgern der EU hoffen und harren die Westdeutschen seit nunmehr annähernd dreißig und die Ostdeutschen seit reichlich zehn Jahren auf einen Wirtschaftsaufschwung, der ihnen
Vollbeschäftigung bringt. Dieses Hoffen ist sinnlos. Das zeigt die Entwicklung der Wirtschaft auf der einen und des Arbeitsvolumens, gemessen in effektiv geleisteten Erwerbsarbeitsstunden, auf der anderen Seite.

Von 1973 – dem Beginn der bis heute anhaltenden Beschäftigungsprobleme – bis 2000 stieg der Wert der in Deutschland erwirtschafteten Güter und Dienste im derzeitigen Geldwert um fast 60 vH von knapp 33.000 auf annähernd 52.000 DM pro Kopf. Das ist im langfristigen Vergleich viel. Während des 19. Jahrhunderts beispielsweise betrug die durchschnittliche Pro-Kopf-Wachstumsrate der Wirtschaft nur etwa ein Drittel der Wachstumsrate der zurückliegenden 27 Jahre.

Doch dieses Wachstum reichte nicht aus, um das Arbeitsvolumen auch nur konstant zu halten. Vielmehr verminderte sie sich pro Kopf um ein Sechstel. Im Durchschnitt arbeitet heute ein Erwerbstätiger jährlich 43 Tage weniger als 1973 oder konkret: Millionen von Vollzeitarbeitsplätzen wurden umgewandelt in Teilzeit- und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse. Ohne diese Umwandlung und die Verkürzung der individuellen Arbeitszeit gäbe es heute – modellhaft – nicht 3,6, sondern etwa 9 Millionen Arbeitslose.

Der lange Trend

Diese Entwicklung folgt einem stabilen Trend. Seit 150 Jahren steigt die pro Kopf erwirtschaftete Gütermenge und zugleich sinkt das Arbeitsvolumen. Pro Stunde werden heute in Deutschland doppelt so viele Güter und Dienste erzeugt wie 1973, zehnmal so viele wie 1950 und zwölfmal so viele wie 1900. Ursächlich hierfür ist der rasant ansteigende Einsatz von Wissen und Kapital. Er treibt den Produktivitätsfortschritt seit vielen Generationen schneller voran als das Wachstum der Wirtschaft.

Das war und ist gewollt. Die überwältigende Bevölkerungsmehrheit will größeren materiellen Wohlstand und gleichzeitig mehr Freizeit. Sie wünscht steigende Realeinkommen, aber auch einen frühen Feierabend, ungestörte Wochenenden, lange Urlaube und einen frühen Eintritt in den erwerbsarbeitsfreien dritten Lebensabschnitt. Deshalb wird sich – das zeigt auch der internationale Vergleich – am bisherigen Trend kaum etwas ändern. Der Produktivitätsfortschritt wird auch künftig dem Wirtschaftswachstum häufig vorauseilen.

Folglich lässt sich Vollbeschäftigung nur selten – wenn überhaupt – durch hohe Wachstumsraten erreichen. Nicht zufällig waren die drei Vollbeschäftigungsphasen, die Deutschland im 20. Jahrhundert erlebte, nicht wachstums-, sondern kriegs- und demographiebedingt bzw. in der ehemaligen DDR das Ergebnis technischen Rückstands und krasser Unterkapitalisierung. Unter normalen Bedingungen vermindert der erhöhte Einsatz von Wissen und Kapital die Menge an Erwerbsarbeit.

Erwerbsbevölkerung muss sich anpassen

So wünschenswert Wirtschaftswachstum ist – die Beschäftigungsprobleme lassen sich mit ihm nur zum kleineren Teil lösen. Ungleich wichtiger ist die Anpassung der Erwerbsbevölkerung an die sich ändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen. Hier haben Deutsche und Europäer einen erheblichen Nachholbedarf. Viele pflegen noch immer industriegesellschaftlich geprägte Sicht- und Verhaltensweisen, die historisch überholt sind. Politik und Gesetzgebung spiegeln das wider. Auch sie stehen in weiten Teilen für eine Ordnung, deren Grundlagen entfallen sind.

Nichts zeigt das deutlicher als das tradierte Sozialstaatskonzept. Durch seine enge Verknüpfung mit Erwerbsarbeit hat es deren Kosten dermaßen erhöht, dass sie nur bezahlbar ist, wenn sie ganz unmittelbar an der Produktivität von Wissen und Kapital teilhat. Erwerbsarbeit, die in größerer Ferne zu Wissen und Kapital angesiedelt ist, wurde in großem Umfang vom Arbeitsmarkt verdrängt. Sie bleibt entweder ungetan oder sie entzieht sich den Kosten des Sozialstaats.

Erwerbsarbeitspotential außerhalb des Arbeitsmarkts erschließen

Derzeit wird auf dem Schwarzmarkt das Arbeitsvolumen von knapp sechs Millionen Vollzeitbeschäftigten angeboten und nachgefragt. Ein mindestens ebenso großes Arbeitsvolumen wird als Eigenarbeit erbracht, obwohl es genauso gut oder noch besser über den Markt abgewickelt werden könnte. Das aber geschieht nicht, weil historisch überholte Rechts- und Sozialstrukturen nur schwer überwindliche Barrieren darstellen. Sie sind auch ein Grund dafür, warum von den fast zwei Milliarden Überstunden, die derzeit in Deutschland erbracht werden, nicht ein Teil in zusätzliche Arbeitsplätze umgewandelt wird. Der Aufwand bei Neueinstellungen und Entlassungen ist zu hoch.

Darüber hinaus lehnt die ansässige Erwerbsbevölkerung jährlich Millionen von Arbeitsplätzen ab, weil sie nicht ihren industriegesellschaftlich geprägten Sichtweisen entsprechen. Hunderttausende von Stellen können nur mit großem zeitlichem Verzug besetzt werden; rund eine Million Nicht-EU-Ausländer wird jedes Jahr in Deutschland vorübergehend beschäftigt, weil sich niemand hierzulande für die angebotenen Arbeitsplätze findet; neben regionaler und sektoraler Arbeitslosigkeit besteht ein nicht minder beachtlicher Arbeitskräftemangel, weil Erwerbspersonen zu unflexibel sind, der konkreten Nachfrage zu entsprechen.

Unternehmerisches Verhalten entfalten

Geprägt von den Bedingungen des Industriezeitalters erwarten nicht wenige Erwerbspersonen genau da abgeholt zu werden, wo sie sich räumlich oder qualifikationsmäßig gerade befinden. Sie denken nicht daran, selbst initiativ und zu Unternehmern ihrer eigenen Arbeitskraft zu werden. Das hat man sie nicht gelehrt und nicht von ihnen gefordert. Mehr noch: Die Politik hat ihnen versprochen für alles, einschließlich des Arbeitsplatzes, zu sorgen. Dieses Versprechen war unter den Bedingungen einer sozialen Marktwirtschaft von Anfang an unredlich. Ein freiheitlich-demokratischer Staat kann keine Vollbeschäftigungsgarantie geben.

Gelänge es durch die Entkrustung des Arbeitsmarktes einen Teil der Schwarzarbeit und der nicht notwendig als Eigenarbeit zu erbringenden Tätigkeiten in den regulären Arbeitsmarkt zu überführen, gelänge es ferner, einen Teil der Überstunden in zusätzliche Arbeitsplätze umzuwandeln sowie die Akzeptanz von Millionen aktueller und potentieller Arbeitsplätze zu erhöhen, und gelänge es schließlich, mehr Menschen zu unternehmerischem Verhalten zu bewegen, könnten in Deutschland und der Europäischen Union alle beschäftigungsfähigen und –willigen Erwerbspersonen einer Erwerbsarbeit nachgehen.

Vollbeschäftigung ist möglich

Die Arbeitslosigkeit, die die Deutschen und Europäer seit nunmehr einer Generation beklagen, ist nicht in erster Linie die Folge zu geringen Wirtschaftswachstums – das Wirtschaftswachstum hätte Vollbeschäftigung ohne weiteres ermöglicht – sondern die Folge tief wurzelnder, individueller und kollektiver Sicht- und Verhaltensweisen, die die Anpassung an die sich ändernde Wirklichkeit und damit die Entstehung zusätzlicher Arbeitsplätze behindern. So lang große Bevölkerungsteile sowie die Politik und die Gewerkschaften mental im Industriezeitalter verharren, wird ein Mehr an Erwerbsarbeit auf sich warten lassen. Doch Besserung ist in Sicht. Die Bevölkerung lernt langsam, sich auf die Veränderungen einzustellen. Das ist Anlaß zu berechtigter Hoffnung.

Prof. Dr. Meinhard Miegel
Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. - IWG
+ Download der Studie als PDF Datei