Georg Elser
Der Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, dem wir das erste Denkmal in der »Straße der Erinnerung« gewidmet haben, hat in seinem Moabiter Sonett » Schuld« (1944/45) eine erschütternde Bilanz gezogen, die weit über sein individuelles Schicksal hinausweist. Was der hochgebildete, zutiefst in der 
europäischen Kultur verwurzelte Intellektuelle sich selbst zum Vorwurf macht, gilt in Wahrheit für den größten Teil der deutschen Eliten:
Ich musste früher meine Pflicht erkennen,
Ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
Mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt…
Ich klage mich in meinem Herzen an:
Ich habe mein Gewissen lang betrogen,
Ich hab mich selbst und Andere belogen –
Ich kannte früh des Jammers ganze Bahn.
Ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!
Und heute weiß ich, was ich schuldig war.
Einer, der früh wusste, was er schuldig war, gehörte keiner sozialen Elite an, beteiligte sich nicht an philosophischen Diskursen über die Berechtigung zum Widerstand, war kein Experte für Politik und Strategie, sondern folgte nur der eindeutigen Stimme seines Gewissens, die ihm von der Erkenntnis zur Tat einen klaren Weg wies. Der Schreiner Georg Elser war ein einfacher Mann, aber er wusste, dass die NS-Diktatur nichts anderes bedeutete als Verbrechen und Krieg. Hitler, das hieß für Elser nichts anderes als unermessliches Leid für die Menschheit. Darum der einsame Entschluss zum Attentat, das, wäre es gelungen, den Gang der Weltgeschichte wie kein anderes Ereignis des 20. Jahrhunderts verändert hätte.
Am 8. November 1939 versuchte Elser Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller zu töten. Seit dem 1. September führte Deutschland Krieg; dass ein Weltkrieg daraus werden würde, darüber hatte Elser keinen Zweifel. Beginnend im Herbst 1938 hatte er ganz allein seine Tat vorbereitet und beharrlich alle Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anschlag geschaffen. Der Arbeiter aus Württemberg war dem Ziel, Hitlers unheilbringendes Leben zu beenden, so nahe gekommen, wie erst Jahre später der Kreis um Stauffenberg, als Deutschland und Europa schon in Trümmern lagen und das Jahrhundertverbrechen des Holocaust bereits stattgefunden hatte. Hitler verließ am 8. November 1939 wenige Minuten vor der Explosion den Saal im Bürgerbräukelle, wo die Feier zum Andenken an den gescheiterten Putsch von 1923 stattfand. Das »Glück« des Diktators war das Unglück für Millionen von Opfern. Georg Elser geriet bald in die Hände der Gestapo. Verhört und gefoltert gestand er, seine Tat habe der Rettung des europäischen Friedens gegolten. In einem Konzentrationslager aufgespart für einen späteren Schauprozess, wurde Georg Elser von der Rache Adolf Hitlers am 9. April 1945 eingeholt und ermordet.
Nach 1945 blieb das Andenken an den Attentäter lange Jahrzehnte verdunkelt durch Unkenntnis und Verständnislosigkeit. Der tapfere Einzelgänger war eine unbequeme Herausforderung an das historische Gewissen in Deutschland. Sein Handeln bewies, dass die Legende, nur die gesellschaftlich und militärisch Mächtigen hätten die Chance zu wirksamem Widerstand gegen das Böse gehabt, haltlos war. Das Schicksal Georg Elsers bedeutete: die »kleinen Leute« waren nicht zwangsläufig zum »Mitläufertum« bestimmt.
Andenken konkretisiert sich am stärksten in Zeichen im öffentlichen Raum. Obwohl es immer wieder Anläufe zu einem Denkmal für Georg Elser in München – wo das Attentat stattfand – oder in der Bundeshauptstadt Berlin gegeben hat, wurde bisher keiner davon verwirklicht. Die Ernst Freiberger-Stiftung setzt nun ein eindeutiges Zeichen: Inmitten der Versammlung der »Helden ohne Degen«, in Sichtweite großer Deutscher wie Walther Rathenau und Thomas Mann, zeugt von Herbst 2008 an das Gesicht Georg Elsers für das andere Deutschland vor 1945, das der hellen Stimme des Gewissens verpflichtet blieb auch in finsterer Zeit.
ISBN 987-3-937233-52-9
Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt vom be.bra Wissenschftsverlag.
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