Ein Denkmal für Edith Stein


Die Gemeinschaft von außerordentlichen Persönlichkeiten, die in der „Straße der Erinnerung“ versammelt sind, erfährt durch das neue Denkmal für Edith Stein eine besondere Dimension. Es ist die „Heiligkeit“, eine Kategorie, die zunächst jenseits der wissenschaftlich nachprüfbaren historischen Bedeutung eines Menschen liegt. Das Heilige gehört zu den ältesten
Vorstellungen der Menschheit und ist dennoch aktuell in der unmittelbaren Gegenwart. Seine ungebrochene Vitalität im Denken der Weltreligionen, insbesondere der katholischen Kirche, spricht für seine Unverzichtbarkeit für das religiöse Leben.
Edith Stein wurde von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom am 11. Oktober 1998 feierlich als „Theresia Benedicta a Cruce“ heiliggesprochen. Sie ist, sieht man von den heiligen Frauen der biblischen Heilsgeschichte ab, die erste katholische Heilige, die eine geborene Jüdin ist. Ein Jahr später hob der Papst Edith Stein noch weiter hervor, als er sie mit einem demonstrativ hohen Rang in der abendländischen Religionsgeschichte versah: Am 1. Oktober 1999 wurde sie zur „Patronin Europas“ ausgerufen, zusammen mit Brigitta von Schweden und Katharina von Siena. Damit rückte ein Leben, das vorher in der Fachöffentlichkeit der Philosophie und nach 1933 im Verborgenen gespielt hatte, in den Mittelpunkt öffentlicher Wahrnehmung. Sichtbar wurde nicht nur ein ergreifendes Märtyrerschicksal, sondern auch die Vita einer herausragenden Wissenschaftlerin, die durch phänomenologische und religionsphilosophische Studien das Denken ihrer Zeit zu prägen begann, bevor sie 1933 eine dramatische Lebenswende vollzog und dem Gebetsorden der Karmelitinnen beitrat. Edith Steins Ermordung in Auschwitz ist Teil eines unfassbaren Verbrechens an Millionen von Menschen. Nach allem, was wir über Edith Stein wissen, ist sie ihren Opfergang auf doppelte Weise bewusst gegangen: in der Identifizierung mit dem jüdischen Volk, dem sie entstammte, und in der tiefreligiösen „Nachfolge Christi“ im Leiden.
In Edith Steins Persönlichkeit verbanden sich Wissenschat und Religiosität, Intellekt und Hingabe, anspruchsvolles Denken und Demut, Judentum und Christentum. Geprägt war sie zunächst durch die im Denken jüdischer Familien vor 1914 so typische Mischung von strenger Religiosität, Preußentum und deutschem Patriotismus. Im ersten Weltkrieg arbeitete sie als freiwillige Rotkreuzschwester. Die hochbegabte Philosophiestudentin in Göttingen und Freiburg machte rasch Karriere und war schon in den 20er Jahren angesehen bei der Elite der Philosophen Europas. Sie engagierte sich als Vordenkerin der Bildungsfragen und im Bemühen um die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen. In einer religiösen Krise entschloss sie sich 1921, Christin zu werden. 1933 mit der Judenverfolgung des NS-Regimes konfrontiert, fasste sie den Entschluss, den Papst um eine Privataudienz zu bitten, um ihm den Gedanken der Enzyklika vorzuschlagen. Niemand in der kirchlichen Hierarchie wollte die Idee aufgreifen, und Edith Stein verzichtete auf die Reise nach Rom. Sie trug ihr Anliegen stattdessen schriftlich vor. Der Brief wurde dem Papst versiegelt übergeben. Nach einiger Zeit wurde Edith Stein der päpstliche Segen für sie und ihre Angehörigen übermittelt – von einer Enzyklika zur „Jüdischen Frage“ war darin nicht die Rede. Vom Scheitern ihres hochpolitischen Gedankens an hat Edith Stein ihr Verfolgungsschicksal mit dem Sinn christlichen Leidens versehen. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb sie in ihrem Testament den Schlüsselsatz. „ Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung“ Auf dem Weg nach Auschwitz erschien Edith Stein Augenzeugen wie eine „Pietà ohne Christus“, von einem tiefen Kummer durchtränkt. Rettungsangebote, die ihr als christlicher Ordensfrau gemacht wurden, hat sie abgelehnt. „ Tun Sie das nicht, warum soll ich eine Ausnahme erfahren. Ist dies nicht gerade Gerechtigkeit, daß ich keinen Vorteil aus meiner Taufe ziehen kann? Wenn ich nicht das Los meiner Schwestern und Brüder teilen darf, ist mein Leben wie zerstört.“
Für Theologen und Geschichtsphilosophen mag das Problem herausfordernd sein, ob Edith Stein als Jüdin oder als Christin den Märtyrertod gestorben ist. Für unsere Denkmalstraße steht jenseits solcher Grenzfragen im Mittelpunkt, dass Edith Steins Stellung zwischen Judentum und Christentum kongenial deutendes Werk geschaffen hat. Die „Straße der Erinnerung“ wird um ein großes Kunstwerk reicher.

ISBN 978-3-937233-52-9
Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt vom be.bra Wissenschaftsverlag
+ Zurück