Von der Entschleunigung des Geldes
Süddeutsche Zeitung vom 21. Februar 2007
Ernst Freiberger verkörpert eine neue Generation der Stiftungsgründer.
Vorbei sind die Zeiten, da der Menschenfreund, der Gönner, der Millionär mit Visionen immer auch ein Erbe war, die Geschichte der Familie hinter sich, die Zukunft im Blick. Keck hat sich danebengestellt: der Selfmademan, den der Geldadel dünkelhaft als Emporkömmling bezeichnet. Auch Vermögen, das innerhalb nur einer Generation entstand, drängt es nach sinnvoller Gestaltung. Darum wird es sie in Europa bald überall geben, die neue Generation der Stiftungsgründer und Wissenschaftsmäzene, wie sie jenseits des Atlantiks schon Realität sind. Kein deutscher Bill Gates, kein bayrischer Warren Buffet ist Ernst Freiberger junior. Aber ein Pionier ist er doch.
Wenn der 55-jährige Freiberger das Wohnzimmer seiner Villa in München-Bogenhausen betritt und mit festem Schritt den Tisch ansteuert, auf dem Tee in silbernen Kannen wartet, dann ist die Körpersprache die Sprache der Macht. Wenig Zeit vergeht, bis er dann ausspricht, was eher in den Mund des PDS-Pressesprechers zu passen scheint: „Das westliche kapitalistische System muss sich weltweit immer neue Märkte erobern. Vielseitigkeit geht verloren, Chancen werden vertan. Wie lange kann ein System, das nur mit ständigem Wachstum funktioniert, bestehen?"
So also spricht der Mann, der den Deutschen die Tiefkühl-Pizza brachte und damit ein Vermögen verdiente; der Mann, der in den neunziger Jahren Berlins größer privater Investor war und auf dessen Grund das Bundesinnenministerium steht; der Mann, der eine Klinikkette ein eigen nennt und der nach einer Weltreise beschloss, die Erde solle friedlich werden - und er selbst müsse einen Beitrag dazu leisten.
Dieser Beitrag hört auf den Namen Ernst Freiberger-Stiftung". Sie soll die Einsichten einer Reise zu den Massai und den Dogon verstetigen. Zweieinhalb Jahre dauerte die Weltumrundung, sie begann am 1. September 1998 und führte durch 85 Länder. „Davor war ich 22 Jahre lang von morgens bis abends auf Pizza programmiert." Von den Erlebnissen in der Fremde künden ein Film, in dem Achim Höppner Freibergers Sätze gravitätisch rezitiert, und ein Tagebuch, sieben großformatige Bände, schweres Papier, ledern eingefasst, Fotos und Texte im nachtblauen Schuber. Wenn Freiberger sie durchblättert, steht der Kopf, der sonst bei den Hauptwörtern energisch nach vorne ruckt, momentweise still. Diese Gesichter", entfährt es ihm, sobald er auf die Buschleute und Mongolen deutet, „diese Gesichter ".
Sichtbare Frucht der Reise wurde eine Kapelle, deren Grundstein ausgerechnet am 1. September 2001 gelegt wurde. Weil wir alle von derselben Sonne gewärmt werden", ist die Kapelle den fünf Weltregionen gewidmet. Hier, in Freibergers Heimatort Amerang, mitten im Chiemgau, sollen sie symbolisch zusammenfinden, all die Gläubigen der Erde. Das Gotteshäuschen hat an der Stirnseite einen Marien-Altar, flankiert von einer Torarolle links und einem bei Sure 14 aufgeschlagenen Koran rechts: „Die Ungläubigen sagen zu ihren Aposteln, wir werden dich aus unserem Land vertreiben." Näher am Eingang thront ein Buddha, blickt geradewegs auf die Elefantengottheit Ganesh. Auf dem Boden leuchtet eine Sonne, an der Decke die Sterne. „Friede" ist in vielerlei Sprachen zu lesen. Die Kapelle steht weiß und schweigt am Ortsende, auf jenem mauergeschützten Grundstück, auf dem Freiberger mit Frau und Kindern wohnt und das er mit Bauernhäusern aus dem frühen 20. Jahrhundert anfüllte: ein inszeniertes Idyll mit Wasserfall und Heizkraftwerk. Dort fand 2006 der „1. Ameranger Disput" statt: „Religion - Segen oder Fluch für die Menschheit? Die Welt in der Krise." Besagte Weltreligionen hatten je zwei Vertreter entsandt: Ein Hamburger Imam erklärte die Lehren Muhammads, Jesu und Mose für identisch. Der Religionswissenschaftler Michael von Brück warb dafür, „Liebe als Motivation gesellschaftlichen Handelns" ernstzunehmen. Roman Herzog, Schirmherr des „Disputs", kritisierte die „Arroganz des weißen Mannes", Christoph Stölzl lobte die „kulturschöpferische Wirkung des Abendlandes".
Er ist kein Peter Pan
Damit dürften sie wie die meisten Referenten jenen Geist der wohlgemuten Allverbrüderung getroffen haben, über den der Hausherr zuverlässig ins Schwärmen gerät. Freiberger erhofft sich vom regelmäßigen „Disput" wie von den Workshops und Forschungsaufträgen nicht mehr und nicht weniger als eine Befriedung der Welt. Die Debattenteilnehmer -in diesem Jahr hofft man auf Nelson Mandela - sollen Amerang mit einem neuen Bild ihrer selbst und des Gegenübers verlassen und so hineinwirken in die Lebensrealität ihrer Länder. Der „Disput" ist das ambitionierteste Kind der „Ernst Freiberger Stiftung". Man muss den Initiator vor sich sehen, um dessen ungetrübtem Optimismus zu begreifen, muss sehen, wie er sich redend, blickend, gestikulierend in den Jungen zurückverwandelt, der auszog von Amerang, die Welt zu verändern.
Aber man unterschätzt Freiberger, wollte man ihn reduzieren auf einen gutmenschelnden Peter Pan. Was träumerisch wirkt, hat einen harten Kern aus Überzeugung. Ein Macher ist der Geschäftsmann auch auf seinen philanthropischen Wegen. Ohne ein enormes Vertrauen in die eigenen Gestaltungskräfte wäre es ihm 1976 kaum geglückt (als gerade einmal 25-jähriger Diplom-Kaufmann), die konkursreife Berliner „Pizza-Versandbäckerei" auszubauen zur größten Pizza-Fabrik Europas. Als er die „Freiberger Lebensmittel GmbH" (FLG) 1998 an die Südzucker AG verkaufte, waren knapp 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Heute werden in Deutschland, Österreich, Großbritannien täglich zwei Millionen Tiefkühlprodukte hergestellt, die in 20 europäischen Ländern und Russland als Marken großer Handelsketten in den Verkauf gelangen. Einmal kreierte die FLG eine eigene Marke: die „Alberto"-Pizza, für die ein schnauzbärtiger Italiener und ein feuerroter Piaggio warben.
Während der „Disput" in eine Zukunft ohne Hass blickt, dient eine weitere Aktivität der Stiftung dem, was war. Jahr um Jahr will Freiberger ein Denkmal enthüllen, unweit von Reichstag und Museumsinsel, wo er bereits ein Bürozentrum errichtete. Eine „Straße der Erinnerung" mit einem Dutzend „Helden ohne Degen" soll entstehen - Zeugen eines „anderen Vaterlandes", Zeugen eines „guten Zeitgeists des 20. Jahrhunderts". Die Hinwendung zu den bisher Geehrten -dem Hitler-Gegner Albrecht Haushofer, dem Ingenieur Konrad Zuse, dem „Freiheitskämpfer" Walter Rathenau - ist ebenfalls eine Reisefrucht.
Ob im Hubschrauber über den Philippinen oder im „Eastern and Oriental Express" durch Thailand: Kaum nannte Freiberger sein Heimatland, sagten die Gesprächspartner „ah, Hitler . . .". Darum sollen die „Helden ohne Degen" ein „Bild in Erinnerung rufen, das sich von dem oft nur negativen Bild Deutschlands in der Welt unterscheidet". Auf Haushofers, Zuses und demnächst Thomas Manns Schultern ruht die Hoffnung des Mannes aus Amerang, der bekennt: ..Ich stamme vom Dorf." Vom Dorf stammte auch sein gleichnamiger Vater, dessen Eiscremefirma EFA („Ernst Freiberger Amerang") einst die Basis legte.
Ein Deutschland, wie es sich sein Sohn erträumt, wäre zusammengesetzt aus Amerang, Berlin und dem westafrikanischen Mali. Dort, beim Volk der Dogon, fand er, was er hier vermisst: Großfamilien, die einander Halt geben, alte Menschen, die Ansehen genießen. Das erträumte Deutschland hätte fast keine amerikanischen Bestandteile. Der „Missionseifer des Westens, angeführt von den USA," erzürnt ihn. Man könne nicht der ganzen Welt das amerikanische Demokratieverständnis aufdrängen. Mancherorts hätten sich hierarchische Strukturen bewährt. Das „System Jeder gegen Jeden" verhindere intakte Gesellschaften. Stattdessen gelte es, das Band der Generationen zu stärken. Also gründete Freibergers Stiftung in Berlin die Begegnungsstätte „Treffpunkt Sonnenblume" für alte und junge Menschen.
Ein Kind des Wachstums ist Ernst Freiberger - doch zugleich auch Wachstums-, ja Systemkritiker. Entschleunigung heißt sein Leitwort, nachdem er jahrzehntelang das Joch der Zeit ebenso trug wie anderen auferlegte. Besinnung auf das Eigene propagiert er nun: All diese Spannungen fließen zusammen und entladen sich im soghaften Händedruck mit dem Ernst Freiberger den Gast verabschiedet. Denkt dieser zurück an die Münchner Stadtvilla und das Ameranger Alpendorf, an die nachtblauen Tagebücher eher und die Massai, kommt ihm Thomas Brasch in den Sinn: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
