Nicht reicher, aber besser leben?


OVB vom 23. November 2009
Wie viel materiellen Wohlstand benötigt der Mensch, um zufrieden leben zu können? 60 hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft suchten beim vierten Ameranger Disput auf Einladung der Ernst-Freiberger-Stiftung eine Antwort auf diese Frage, die in einer von der Wirtschaftskrise gebeutelten Gesellschaft mit neuen Gefahren für den Wohlstand - und für das persönliche Glück? - auf den Nägeln brennt.


Unternehmer Ernst Freiberger (links), Vorstand der Ernst-Freiberger-Stiftung, und der wissenschaftliche Leiter des Ameranger Disputs, Professor. Dr. Meinhard Miegel (Zweiter von links) begrüßten hochkarätige Wissenschaftler der Glücksforschung: Professor Dr. Jan Delhey, Professor Dr. Eckhard Janeba, Dr. Claus Schäfer und Professor Dr. Erich H. Witte (von rechts). Foto Duczek

Amerang - 42-mal kommt in der Koalitionsvereinbarung der neuen Bundesregierung das Wort "Wachstum" vor, hat Professor Dr. Meinhard Miegel nachgezählt. Der wissenschaftliche Leiter des Ameranger Disputs ist überzeugt, dass die Programmierung auf den Wachstumsgedanken jedoch bald der Geschichte angehört. Auch Stiftungsvorstand Ernst Freiberger setzte sich bei der Begrüßung kritisch damit auseinander, "dass wieder die Wachstumsparole ertönt" und damit ein altbekannter, jedoch zu hinterfragender Weg aus der Krise eingeschlagen werde.

Ist die Gesellschaft jedoch bereit, die Folgen eines möglicherweise stagnierenden oder sinkenden Wachstums zu akzeptieren? Die hochkarätig besetzte Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" des Ameranger Disputs hat das Institut für Demoskopie Allensbach beauftragt, die Bevölkerung nach ihrer persönlichen Einschätzung des Spannungsfeldes zwischen objektivem materiellen Wohlstand und subjektiver Lebenszufriedenheit zu befragen. Die Ergebnisse zeigten, dass die gängige Binsenwahrheit "Geld allein macht nicht glücklich" stimmt. Denn als die fünf wichtigsten Quellen des Glücks stellten sich - quer durch alle sozialen Schichten, Generationen und Geschlechter - Gesundheit, finanzielle Grundsicherung, gute Freunde, eine gelungene Beziehung und die Freiheit auf Selbstbestimmung heraus, berichtete Miegel. Für 57 Prozent der Befragten sei ein gutes Leben nicht gleichbedeutend mit viel Geld, sondern vorrangig damit verbunden, menschliche Zuneigung zu erfahren. 42 Prozent aller Umfrageteilnehmer hätten außerdem beteuert, mit mehr Geld nicht glücklicher zu werden. 38 Prozent hätten sogar angegeben, weniger verfügbare Mittel nicht mit dem Gefühl, unglücklicher zu werden, zu verbinden.

Im Disput, an dem als Mitdiskutant auch der Schirmherr, Bundespräsident a. D. Professor Dr. Roman Herzog teilnahm, setzten sich Vertreter der Glücksforschung mit dem Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Lebenszufriedenheit auseinander. Professor Dr. Jan Delhey, Soziologe der Jacobs-Universität Bremen, sieht Deutschland gut vorbereitet für eine Zeit stagnierenden oder sinkenden Wachstums. Viele Bundesbürger hätten sich bereits zum "Postmaterialisten" weiter entwickelt, einem Menschen, der Glück nicht allein mit Geld gleichsetze. Die Bürger seien es außerdem aufgrund der Schrumpfung der Reallöhne bereits gewohnt, zwischen elementaren Bedürfnissen und Wünschen, die nicht zu befriedigen seien, zu unterscheiden. Deshalb sei die Zeit reif, die deutsche Gesellschaft nicht reicher, sondern besser zu machen - etwa durch mehr Engagement für Umwelt und Klimaschutz.

"Die materielle Komponente wird die bestimmende Kraft bleiben", war dagegen Professor Dr. Eckhard Janeba, Volkswirtschaftler an der Universität Mannheim, überzeugt. Dass eine Einkommensvermehrung nicht unbedingt ein Mehr an Zufriedenheit auslöse, liege auch darin begründet, dass automatisch die Ansprüche steigen würden. Mit negativem Wachstum gehe die Gefahr einher, dass dies als Verlust empfunden werde, warnte Dr. Claus Schäfer von der Hans-Böckler-Stiftung. Er gab auch zu bedenken, dass die Forderung, alle müssten den Gürtel enger schnallen, nicht umzusetzen sei. Schließlich könnten Arbeitslose und Geringverdiener nicht weiter belastet werden.

Professor Dr. Erich H. Witte, Sozialpsychologe von der Universität Hamburg, gab ebenso wie Schäfer neue Glücksziele aus - etwa ein langes, zufriedenes Leben. Witte appellierte außerdem an die Politik, die neuen Werte mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Der neue amerikanische Präsident Barack Obama habe aufgezeigt, dass ein mutiges Eintreten für Werte, die sich nicht ausschließlich dem materiellen Wohlstand widmen würden, durchaus von den Menschen akzeptiert werde.

Leben die Bürger in Zukunft deshalb nicht reicher, dafür jedoch besser? Die Diskussion schwankte zwischen der Meinung, dies sei eine weltfremde Ansicht, und der Hoffnung auf einen Paradigmenwechsel. Und Gastgeberin Anja Freiberger gab etwas zu bedenken, dass sicherlich alle Menschen, die sich auf der Suche nach dem wahren Glück befinden, nachvollziehen können: "Müssen wir vielleicht die Fähigkeit, glücklich zu sein, wieder erlernen?" duc


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