Wie wirkt sich sinkender materieller Wohlstand
auf die individuelle Zufriedenheit
der Bevölkerung aus?


Berlin, Mai 2010
Die Ernst Freiberger-Stiftung hat unter der Leitung des Sozialforschers Prof. Dr. Meinhard Miegel erstmals die Frage untersucht, wie sich stagnierender bzw. sinkender materieller Wohlstand auf die individuelle Zufriedenheit der Bevölkerung auswirkt. Die Ergebnisse und Vorschläge des Memorandums "Zufriedenheit trotz sinkenden materiellen Wohlstands", das die Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" der Ernst-Freiberger Stiftung erarbeitet hat, sind gestützt durch eine repräsentative Allensbach-Umfrage, die exklusiv für diese Fragestellung durchgeführt wurde. "Die Fragestellung wie sich sinkender materieller Wohlstand auf Glück und Zufriedenheit auswirkt, ist bislang noch nicht systematisch erforscht", so Ernst Freiberger, Vorstand der Ernst Freiberger-Stiftung, "dabei ist diese Fragestellung heute relevanter denn je."

  Entkopplung von Wohlstand und gefühlter Zufriedenheit
"Zwar haben die meisten Menschen in Deutschland", so Professor Miegel, "heute ein so hohes materielles Wohlstandsniveau erreicht, dass dessen weitere Erhöhung kaum noch ihre subjektive Zufriedenheit steigert." Ob daraus jedoch gefolgert werden kann, dass eine Minderung des materiellen Wohlstands keine nachteiligen Wirkungen auf die subjektive Zufriedenheit habe, sei fraglich. Deshalb sei es erforderlich, möglichen Einbußen bei der subjektiven Zufriedenheit durch immaterielle Wohlstandsgewinne zu begegnen. Entsprechend fordert die Arbeitsgruppe "Zufriedenheit", den Wohlstandsmaßstab, der bislang im Wesentlichen durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) definiert wird, um ökologische und soziale Aspekte zu erweitern.

Individuelle Zufriedenheit trotz Wirtschaftskrise auf hohem Niveau
Ein scheinbar paradoxes Ergebnis der Studie ist, dass zu einem Zeitpunkt, in der die deutsche Wirtschaft den tiefsten Einbruch seit vielen Jahren erlitt, sich 38 Prozent der Bevölkerung als glücklich bezeichnen. Dies ist bei einem langjährigen Durchschnitt von 29 bis 33 Prozent der höchste gemessene Wert der Nachkriegszeit. Ebenso fiel der Anteil derjenigen, die sich aktuell als unglücklich bezeichnen, im langjährigen Vergleich auf ein Rekordtief von 8 Prozent (langjähriger Durchschnitt zwischen 10 bis 14 Prozent).
Die Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" vermutet, dass die Bevölkerung – trotz umfänglicher Medienberichte - noch nicht persönlich vom Abschwung betroffen ist. Ebenso trage der nur langsam sinkende materielle Wohlstand in Deutschland zu diesem Befund bei. Prof. Miegel: "Die aktuellen Unruhen in Griechenland zeigen deutlich, dass sich ein abruptes Absenken des Wohlstandsniveaus extrem negativ auf das individuelle Zufriedenheitsempfinden auswirkt."

Appell an Politik zu mehr Realismus und Transparenz
Damit sinkender Wohlstand nicht automatisch zu sinkender Zufriedenheit führt, müssen Politik, Medien, Wissenschaft und Kultur ernsthaft darauf hinwirken, dass die Erwartungen und Ansprüche der Bevölkerung an die künftige materielle Entwicklung realistisch sind. Insbesondere der Politik kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Wahl- und Parteiprogramme dürfen nicht mehr ausschließlich Wachstumsszenarien zu Grunde legen, sondern müssen sich auch konsequent und konstruktiv mit negativen Szenarien auseinander setzen. "Vor allem die Politik hat die Aufgabe, die Bevölkerung krisenfester zu machen", fordert Prof. Miegel.

Konkrete Vorschläge zum Umgang mit potentiell sinkendem materiellen Wohlstand
Die Arbeitsgruppe Zufriedenheit macht im aktuellen Memorandum konkrete Vorschläge, die aus ihrer Sicht zentral im Umgang mit potentiell sinkendem materiellen Wohlstand sind: 

• Aufklärung der Bevölkerung über Möglichkeiten und Grenzen künftiger materieller Wohlstandsmehrung, um unrealistischen Erwartungen und Ansprüchen vorzubeugen.
• Drosselung der Geschwindigkeit etwaiger materieller Wohlstandsrückgänge durch eine ausgleichende Wirtschafts- und Finanzpolitik, ohne die Gesamtverschuldung zu erhöhen.
• Vermeidung einer zu großen Einkommensspreizung durch Mindestsicherungen und materielle Untergrenzen.
• Sicherung eines hohen Beschäftigtenstands u.a. dadurch, dass die Wirtschaft nachhaltiger, d.h. ressourcenschonender und zugleich arbeitsintensiver produziert.
• Erweiterung des Wohlstandsverständnisses u.a. durch eine Ergänzung des Bruttoinlandsprodukts um ökologische und gesellschaftliche Aspekte.
• Stärkung von immateriellen Quellen von Zufriedenheit wie beispielsweise Gesundheit oder gelungene familiäre und andere menschliche Beziehungen.

Hintergrundinformationen zum Memorandum
Der Arbeitsgruppe gehörten folgende Experten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Glücksforschung an: 

Professor Dr. Mathias Binswanger, Professor Dr. Michael von Brück, Professor Dr. Jan Delhey, Dr. Friedrich Hinterberger, Professor Dr. Heiner Meulemann, Dr. Heinz Herbert Noll, Professor Dr. Horst W. Opaschowski, Professor Dr. Karlheinz Ruckriegel, Professor Dr. Erich H. Witte

Die Arbeitsgruppe wurde geleitet von Professor Dr. Meinhard Miegel, Vorstandsvorsitzender des Denkwerks Zukunft - Stiftung kulturelle Erneuerung.

Das komplette Memorandum der Arbeitsgruppe "Zufriedenheit" des Ameranger Disputs der Ernst Freiberger-Stiftung, "Zufrieden trotz sinkenden materiellen Wohlstands" steht unter:  www.ernst-freiberger-stiftung.de/de/engagement/arbeitsgruppe_zufriedenheit.php 
zum Download bereit.

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